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Ich habe drei Monate (Ende August bis Ende
November 2003) als Unterassistentin auf der chirurgischen
Abteilung des National Referral Hospital in Honiara gearbeitet.
Hier nur ein kurzer Einblick in meinen Alltag:
Montag Mittag:
Das Mittagessen in der Seoul Cafeteria war
wieder köstlich und ist nun zu Ende. Mittlerweile fragen sie
mich nicht mehr, ob ich "fish & chips" mit oder ohne Ketchup
will. Ich schlendere also entlang der belebten Hauptstrasse von
Honiara, der Hauptstadt der Solomon Islands, zurück zum
Spital. Auf dem Markt kaufe ich mir eine frische Kokosnuss und
trinke diese auf dem weiteren Weg. Es ist hier ständig weit
über 35°C und deshalb ist die Flüssigkeitszufuhr
doppelt wichtig und der Kokosnusssaft, den sie, wie man mir
erzählt, in Notzeiten als Infusion benutzt haben, eine echte
Erfrischung. Auch andere Einkäufe werden noch
getätigt.
Auf dem Spital-Notfall, wo ich zuerst vorbei
gehe, begrüsst man mich zwar mit grossem Hallo, aber im
Moment ist es ruhig. Also gehe ich auf die chirurgische
Bettenstation, wo man mir sagt, dass dank den Entlassungen vom
Morgen nur zwei Personen mit geplanten Operationen nach Hause
geschickt werden mussten. (Man bedenke, dass sie hier oft von
weither kommen, meist tagelang unterwegs sind, und sich trotzdem
nicht beschweren, wenn sie noch einige Zeit auf ihre Operation
warten müssen. Man wohnt dann einfach einige Tage, Wochen
oder Monate bei Verwandten oder Freunden in der Stadt.) Für
die anderen fünf regulären Eintritte gibt es also
Betten, aber diese sind im Moment noch nicht bereit.
Bei den Kindern sieht es besser aus und so
erledige ich diese Eintritte zuerst. Wie immer frage ich zum
Schluss die Angehörigen, ob sie noch Fragen haben. Die
Mutter antwortet mir: "Nein, ihr seid die Fachleute und wisst
schon, was ihr macht. Ausserdem liegt unser Leben in Gottes
Hand." Eine Einstellung, die ich hier oft antreffe, und mich
beeindruckt.
Weil die Betten immer noch nicht bereit sind,
gehe ich in den Gemeinschaftsraum des OP-Traktes, wo ich erfahre,
dass mittlerweile Notfälle gekommen sind. Und so pendle ich
den ganzen Nachmittag zwischen den Abteilungen und dem OP hin und
her, erledige die Eintritte, helfe beim Reponieren von Schultern,
beim Gipsen eines gebrochenen Beines nach Fall von einer
Kokospalme, nähe kleine Wunden, etc. Die Krankheitsbilder
sind so vielfältig und die Unfallursachen häufig anders
als in der Schweiz.
Die Eintritte gestalten sich zum Teil aufgrund
von Sprachschwierigkeiten nicht ganz einfach: die Amtssprache ist
Englisch, in der Schule lernen sie Pidgin-Englisch, ausserdem
gibt es im Land mindestens 70 anerkannte Dialekte und fast jedes
Dorf in den neun Provinzen spricht eine eigene Sprache
(mother-tongue). Häufig gelingt es mir, die Eintritte in
Englisch und Pidgin zu machen. In den anderen Fällen wird
eine Krankenschwester, Hilfspflegerin, Putzfrau, etc. mit
möglichst der gleichen Sprache (sogenannte onetalks) zur
Unterstützung geholt.
Nachdem die Eintritte gemacht und der Notfall
geleert ist, gehe ich noch auf den Abteilungen vorbei, kläre
Fragen, die während des Tages aufgetaucht sind und frage bei
den Kindern, für die ich die Verantwortung habe, noch kurz
persönlich nach dem Wohlbefinden. Es ist schon erstaunlich:
sobald ich die Abteilung betrete, setzen sich die Kinder ohne
Aufforderung mit ihren Angehörigen auf ihr Bett und warten
geduldig, bis ich bei ihnen vorbei komme.
Dann gehe ich dem leider total verschmutzten
Strand entlang nach Hause. Man findet am Strand fast alles, was
man auch in den Läden und auf dem Markt kaufen kann. Ich
grüsse meine Nachbarn und wechsle ein paar Worte mit ihnen
und auch mit dem Betelnut-Verkäufer vor dem Kiwi-House (dem
von den Neuseeländern gesponserten, für vier Studenten
eingerichteten Wohnhaus, das fast jeder in der Stadt kennt und
für drei Monate mein Zuhause war). Nach der Dusche, denn man
weiss nie, wann das Wasser wieder abgestellt wird, sitze ich, bis
es um 19 Uhr stockdunkel ist, auf der Veranda und lese.
Anschliessend mache ich das Nachtessen, schreibe Tagebuch, lese
die Fachliteratur zu den geplanten Operationen des nächsten
Tages und lausche dabei der Chormusik, die von der
gegenüberliegenden Kirche bis zu mir tönt. Vom Rauschen
des Meeres lasse ich mich ins Reich der Träume
begleiten.
Leider bin ich im Moment die einzige Studentin
im Spital. Einige haben ihre Unterassistentenstelle wegen den
politischen Unruhen im Land nicht angetreten. Ich merke davon zum
Glück nicht mehr viel, denn seit Anfang August ist RAMSI im
Land (= Regional Assistance Mission to Solomon Islands). Das sind
ca. 2800 Armeeangehörige aus Australien, Neuseeland, Fiji,
Tonga, Vanuatu, etc. die "law & order" zurück bringen
sollen. Seither sieht man keine Waffen mehr in der
Öffentlichkeit, hört keine Schüsse mehr und jedes
zweite Auto auf der Strasse ist ein Polizeiauto. Die
Gefängnisse füllen sich stetig mit Unruhestiftern, sagt
mir ein RAMSI-Mann bei einer Unterhaltung.
Dienstag Morgen:
Zwischen den Unterkünften der
Spitalangestellten gelange ich am Morgen zurück zum Spital.
Unterwegs kommen viele Kinder angelaufen, winken oder begleiten
mich ein Stück und rufen mir zu: "Hello Docter." Jeden
Morgen ein Aufsteller!
Da wir meist ein volles OP-Programm haben,
geht es nach dem Morgenrapport direkt in den OP. Ob die
Operationen gemacht werden können, hängt allerdings von
verschiedenen Dingen ab:
- Ist der Anästhesist anwesend?
Dr. Kaeni ist im Moment der einzige Anästhesist im Lande,
was bedeutet, dass er 7 Tage die Woche, 24 Stunden am Tag "on
call" ist, das heisst, Dienst hat. Trotzdem habe ich ihn nicht
einmal schlecht gelaunt erlebt. Im Gegenteil, die Stimmung ist
in seiner Gegenwart immer sehr gut.
- Gibt es genügend Wasser zum Hände waschen?
- Hatte es genügend Wasser um die OP-Kleider,
OP-Tücher, etc. zu waschen?
- Ist genügend Blut vorhanden (oder wurde es für
Notfälle eingesetzt)?
Etc.
Meist haben wir Glück und alles ist
vorhanden. Dann geht es Schlag auf Schlag: in den zwei grossen
Operationssälen werden Hernien repariert, Blinddärme,
Tumoren, Schilddrüsen etc. entfernt, während im kleinen
OP Abszesse drainiert, Wunden genäht, Extremitäten
gegipst, Lipome entfernt, Debridements und Skin grafts
durchgeführt werden. Bei allen Einsätzen darf ich dabei
sein und helfen. Man ist bemüht, mir Dinge zu erklären
und zu zeigen. Immer nach der Devise: "see one, do one, teach
one". Die Stimmung ist trotz Arbeitslast gut und die Resultate
erstaunen mich zum Teil sehr, denn oft mangelt es an (mir aus der
ersten Welt bekanntem) adäquatem Material. So gehen die
Operationstage meist ohne Mittagessen schnell vorbei.
Fazit:
Dieser Auslandaufenthalt hat Spuren
hinterlassen!
Vieles hat mich sehr beeindruckt:
- die Ruhe, die Geduld, die Freundlichkeit und die Wärme
der Menschen
- ihr Gottvertrauen
- die Gelassenheit, mit der sie Stromausfall und
Wasserbeschränkungen hinnehmen
- die Arbeitsweise und der Einsatz des Personals unter nicht
einfachen Bedingungen
- die Menschen haben nichts, aber sie geben dir alles.
Anderes zum Nachdenken gebracht:
- das Schicksal einzelner Patienten, die so spät zur
medizinischen Untersuchung gekommen sind, dass wir leider
nichts mehr machen konnten
- die aufopfernde Art und Weise, wie die
Familienangehörigen und Freunde sich um die Kranken
gekümmert haben
- die Selbstverständlichkeit, mit der Angehörige,
Freunde und Nachbarn einander unterstützt haben
- die Stellung und der Wert einer Frau.
Wieder anderes geschockt:
- die Konsequenzen des Mangels an Kolostomiesäcken
für einen kleinen Patienten
- die Entsorgung des Abfalls
- die Schusslöcher in einem Spitalzimmer.
Ich weiss, dass ich vieles, was ich dort
gesehen und gelernt habe, in der Schweiz kaum anwenden kann, denn
uns stehen hier, in der westlichen Medizin, ganz andere Mittel
zur Verfügung. Aber was ich bei diesem Einsatz für mein
Leben gelernt habe, ist unbezahlbar und auch viel wichtiger.
© 2004 Corinne Thür
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