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Nach 7 Monaten als orthopädischer Assistenzarzt im
National Referral Hospital (NRH) möchte ich meine
Eindrücke publik machen.
Das NRH befindet sich in Honiara, der Hauptstadt von
Guadalcanal, welches wiederum eine der sechs Hauptinseln ist, die
die Solomon Islands bilden. Die Salomonen beherbergen eine
Population von mittlerweile etwa 500'000 Menschen. Das NRH ist
das einzige Zentrumsspital und so quasi die Endstation für
alle zugewiesenen Fälle aus der Peripherie. Das Spital
umfasst 300 Betten, wovon 70 auf die Chirurgie und
Orthopädie (inklusive Kinder) fallen. Am Anfang war ich
schon irritiert ob all der Zustände hier, doch nach und nach
ist der Alltag für mich normal geworden und ich fühle
mich gut aufgehoben. Die Salomomen gehören zu den
ärmeren Entwicklungsländern (BSP < 1000 US Dollars).
Die medizinische Versorgung für die Bevölkerung ist
kostenlos. Das Spital bezieht die Gelder aus dem Budget des
Gesundheitsministeriums und aus dem Fond etlicher
Hilfsorganisationen, vorwiegend AusAid. Im ganzen Land ist
Korruption und Missmanagement an der Tagesordnung. So
verschwinden oft riesige Geldsummen auf dubiose Art und Weise.
Prinzipiell hätten wir alle Basics im Spital zur
Verfügung, wie Grundmedikationen (Antibiotika, Analgetika,
Anästhetika, etc) und Utensilien (sterile/unsterile
Handschuhe, Gazen, Pflaster, Venflow, Spritzen). Doch der
Cocktail aus Verwaltung und hiesiger Mentalität (Gott hat
wohl vergessen, den Solomonislanders ein Planungsgen einzubauen)
brachte mich manchmal an den Rand der Verzweiflung. So hatten wir
während einer gewissen Periode nur noch Amoxicillin zur
Verfügung, Cloxacilin, Chloramphenicol und Gentamycin waren
nicht erhältlich, zumindest nicht im Spitalalltag. Die
Gründe dafür könnten zahlreich gewesen sein:
Vielleicht hatte der Verantwortliche der Spitalapotheke einfach
keine Lust, die Medikamente zu besorgen, oder vielleicht war er
gerade in den Ferien. Vielleicht, vielleicht. Mutmassungen
über Mutmassungen. Permanentes Nachfragen brachte auch
nichts. Mi no save, hiess es dann, Pijin für ich
weiss nichts. Der Spitalalltag ist oft geprägt von
lähmenden und langsam vor sich hinschleppenden Abläufen
wie nicht ausgeführte Laborverordnungen oder
Röntgenuntersuchungen. Oder wenn es wieder einmal keine
unsterilen Handschuhe gibt, oder keine neuen Verbandsets mit
sterilen Gazen für die Verbandwechsel. Für
CH-Verhältnisse wäre das unvorstellbar, doch es geht
immer irgendwie und oft hilft nur unendliche Geduld und Ausdauer,
doch diese fehlte mir dann doch einmal und so verfluchte ich das
ganze Universum und fragte mich, was in aller Welt ich denn hier
verloren hatte. Das Pflegepersonal empfinde ich als sehr gut und
kooperativ, das Arbeitsklima warm und herzlich. Meine
ärztliche Tätigkeit unterscheidet sich sehr von der
zuhause. Wir Chirurgen beginnen um 8 Uhr mit dem Morgenrapport,
wo der diensthabende Assistent erzählt, was tagszuvor und in
der Nacht los war. Im Anschluss geht es in den OP. Es gibt 2
grössere (für CH immer noch sehr kleine) OPs und ein
kleinerer, Minor OT. Im Minor OT sind wir Assis weitgehend
autonom tätig, als Anästhesisten und Operateure in
einem. Ketamin und Diazepam machen es möglich. So
applizieren wir die Narkose und operieren im Anschluss. Zu den
Operationen: Vor allem Debridements (vorwiegend diabetische
Füsse, die groteske Ausmasse annehmen können), auch
Amputationen von Fingern oder Zehen. Dann Hauttransplantate: Wir
gewinnen Vollhauttransplantate und meshen sie mit dem Skalpell.
Jegliche Abszesse, die inzidiert und drainiert werden.
Wundtoiletten (von Messerverletzungen oder Schussverletzungen)
werden ebenfalls durchgeführt. Konservative Behandlungen von
Frakturen (vor allem Vorderarmfrakturen bei Kindern).
Repositionen von Luxationan (Schulter und Hüfte). Ab und zu
erfordert ein Fremdkörper in der Nase oder im Ohr ebenfalls
eine Ketaminnarkose, weil die kleinen Patienten einfach nicht
stillhalten. Ketamin i.m. hat sich hierbei sehr bewährt.
Vakuumverbände zur Behandlung jeglicher chronischer Wunden
(traumatisch bedingt, im Rahmen des Diabetes oder nach
grosszügigen Excisionen bei Tumoren). In den grösseren
OPs assistieren wir wie sonst wo auf der Welt und operieren auch
selber (Appendices vor allem, aber alles ist der Eigeninitiative
und dem Engagement des einzelnen überlassen). Als
orthopädischer Chef funktioniert Hermann Oberli. Ihm steht
ein quasi Oberarzt zur Seite (Dr. Patrick) und je nach Lage 1-2
Assis (Locals und Expats). Die Allgemeinchirurgen haben 2
Kaderärzte (Chef und OA) und je nach Lage 1-2 Assis. Im
Januar 02 beispielsweise, als Dr. Oberli mit dem Schiff in die
vom Zyklon erfassten Gebiete reiste, waren wir zu 4 auf der
ganzen Chirurgie und Orthopädie. Das Nachtarztsystem gibt es
nicht und so arbeitet man ab und zu wie ein Kamel. Die
chirurgischen und orthopädischen Krankheitsbilder sind im
entferntesten gleich wie in Europa: Traumata, akute Abdomen und
Infektionen. Nur sind die Stadien, in denen die Patienten kommen
um einiges fortgeschrittener und extremer. Das hat einerseits mit
der Geographie und den Transportmöglichkeiten zu tun,
andererseits aber auch mit der unglaublichen Indolenz der
Solomonen. Des weiteren spielt auch das (unterentwickelte)
Perzeptionsvermögen der Einheimischen für jegliche
Krankheitsbilder eine entscheidende Rolle. Auswüchse von
Gewalt sind auch Teil des solomonischen Alltags, oder besser
Weekends. So sah ich Schuss- oder groteske Bushknifeverletzungen,
auch mit letalen Folgen. Ich könnte die eine oder andere
Extremsituation schildern. Der Notfalldienst kann manchmal sehr
belastend sein, gleicht doch die Casualty intermittierend einem
Schlachtfeld. Die Patienten selber sind überaus angenehm, da
sie unsere Tätigkeit sehr schätzen und absolut
pflegeleicht sind. Eine Intensivstation gibt es nicht. Auch nach
sehr langen und ausgedehnten Operationen kommen die Patienten
direkt auf die Abteilung. Übrigens teilen sich 24 Patienten
eine Halle, getrennt nur nach Geschlecht und nach Orthopädie
oder Chirurgie. Für CH-Verhältnisse wäre die
Spitalhygiene absolut eine Katastrophe. Zuhause habe ich jedoch
nicht weniger Wundinfektionen gesehen. An Diagnostik steht ein
rudimentäres Labor zur Verfügung (Lc, Hb, Kreatinin und
Elektrolyte), ein konventionelles Röntgen (CT und MRI nicht
vorhanden) und Ultraschall. Daneben gibt es noch 2
Bildverstärker, die intra- oder postoperativ behilflich
sind. Als Unterkunft steht mir das Kiwi-House zur Verfügung,
ein kleines Häuschen, das Platz für 4-5 Personen
bietet. Es hat alles, was man zum Leben braucht: Strom, Wasser
und Gas. Mein Leben wurde sehr einfach und bescheiden und ist
vorwiegend von der Arbeit geprägt. Auch im alltäglichen
Leben ausserhalb des Spitals gibt es diese immer wiederkehrenden,
zermürbenden und unangenehmen Ereignisse oder Perioden. So
hatten wir ab und zu keinen Strom oder fliessendes Wasser, einmal
für 8 Tage, ein andermal für 5 Tage. Auch erinnere ich
mich noch gut, als es bei einem heftigen Regen links und rechts
neben meinem Bett runtertropfte, zum Glück nicht auf die
Matratze!
Am meisten hab ich mich an gewissen Europäern und
Australiern gestört, will heissen, dass wir auch Assistenten
und Studenten hier hatten, die nicht fähig waren, ihre
Bedürfnisse und Ansprüche auf ein minimales Mass
runterzuschrauben. Dementsprechend hatten sie mehr zu leiden, im
Alltag und im Spital. Einige hatten sich auch ein zu romantisches
Bild von diesem Krankenhaus in der Südsee gemacht und sind
in Ferienerwartung hierher gekommen. Dazu beigetragen hat sicher
auch die nicht immer realistische Darstellung des hiesigen
Alltags auf der Website.
Vor allem die Bildergalerie verleitet einem schon zum
Träumen und Schwärmen, was durchaus berechtigt ist. Nur
leider befindet sich das NRH nicht in der Marovo Lagoon, sondern
in Honiara. Das Strassenbild von Honiara ist dreckig, staubig und
lärmig, mit einem Wort hässlich. Die Strände in
Honiara selber (auch vor dem Spital) sind Müllhalden und das
Meerwasser ist voll von E.coli, da alle Abwässer der Stadt
in die Bucht drainiert werden. Baden in und um Honiara, vergiss
es. Wahrend der 7 Monate war ich zweimal in Maravagi und einmal
in Uepi Island. Beides Orte, die im Vergleich zu Honiara einfach
paradiesisch sind. Gesamthaft gesehen hab ich 94% der 7 Monate im
stinkigen und dreckigen Honiara verbracht.
Zusammenfassend ist es die beste Erfahrung, die ich je in
meinem Leben gemacht habe. Nebst all den medizinischen
Erkenntnissen habe ich vor allem über mich selber am meisten
gelernt, wurde ich durch die rezidivierenden Extremsituationen
immer wieder unsanft mit meinen Grenzen, Limiten und
Schwächen konfrontiert. In den schwierigen Momenten haben
mir die local Doctors oft geholfen, worüber ich ihnen sehr
dankbar bin. Sie haben mich unterstützt, obwohl sie selber
teilweise in deprimierenden Situationen waren. Beispielsweise hab
ich es erlebt, dass ein Assi sich eines Tages kein Reis und
Thunfisch kaufen konnte, da die Lohnzahlung einmal mehr nicht
erfolgte. Zur Information: ein local Assi verdient nach dem
Staats umgerechnet 450 Franken im Monat.
So nehme ich einen Erfahrungsschatz mit nach Hause, der mein
Leben absolut bereichert hat und aus dem ich hoffentlich noch
lange werde schöpfen können. April und Mai verbringe
ich auf der Anästhesie. Wie mein berufliches und privates
Leben aussieht, wenn ich wieder in der CH bin? Mi no save.
Honiara, 10.4.2003 Christian
Himmelberger
© April 2003 Christian Himmelberger
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