Schweizer Arzt für 400 000 Südsee-Insulaner
DESTINATION-Leserinnen und -Leser begleiten ein wegweisendes
medizinisches Projekt im Südpazifik
Dr. Hermann Oberli,
Chirurgischer Chefarzt des Zentralspitals in Honiara, Hauptstadt
der Salomonen-Inseln.
Der Schweizer Arzt Dr. Hermann Oberli hat sich auf den fast
vergessenen Salomonen-Inseln im Südpazifik keine leichte
Aufgabe gestellt: Not lindern, helfen, heilen, aufbauen unter
einfachsten, oft schwierigsten Bedingungen. Für 400 000
Menschen ist er der einzige voll ausgebildete Chirurg.
Erfüllung und Ohnmacht prägen seine Arbeit. Frust und
Freude im Alltag liegen nahe beisammen. Ein Engagement der
besonderen Art. Der Journalist und Südseespezialist
Hansjörg Hinrichs, der Dr. Hermann Oberli und sein
Wirkungsfeld seit vielen Jahren kennt, hat ihn für
DESTINATION erneut besucht.
John, 14, wollte Kokosnüsse pflücken und verlor
dabei das Gleichgewicht. Nach dem jähen Sturz von der Palme
blieb er mit brennendem, stechendem Schmerz im rechten
Oberschenkel liegen. Männer aus dem Dorf fanden ihn und
trugen ihn behutsam zurück ins Dorf. Gehen konnte er nicht
mehr, und der Weg zum Spital von Lata ist weit: 40 km durch
Dschungel, Busch und übers Meer.
Geschickte Männerhände zimmern aus rohen Ästen
eine Bahre, tragen John über schmale Pfade und rudern im
kleinen Kanu stundenlang gegen Wind und salzige Wellen zur Insel
Nendo. Dort laden sie ihn in ein grösseres Motorkanu um.
Glücklicherweise wird Benzin gefunden. Dann setzen ihm
wieder Wind und Wellen zu. Stundenlang. Dazu die stechende Hitze
der heissen Tropensonne. Rasende Schmerzen peinigen und zehren.
Dann bricht die Nacht herein. John und seine Begleiter finden in
einem kleinen Dorf bei Verwandten Aufnahme. Während sie John
notdürftig kühlen, pflegen und waschen, macht sich sein
Vater zu Fuss auf den Weg durch die schwarze Nacht nach Lata. Er
schlägt Alarm, doch niemand ist da, keiner hört ihn. Am
Morgen endlich kann der Lastwagen des Spitals mit Diesel
aufgetankt werden. John wird samt Bahre auf die harte
Ladefläche geschoben und los geht die Fahrt. Von Strasse
kann keine Rede sein. Schlagloch reiht sich an Schlagloch.
Äste, Steine, Staub und Abgase machen die holprige Fahrt zur
Tortur, martern Körper und Sinne. Noch ist John bei
Bewusstsein.
Glücklicherweise ist im Spital von Lata zufällig ein
Chirurg - der Schweizer Mediziner Dr. Hermann Oberli - aus der
Hauptstadt Honiara anwesend. Aus Mangel an Mitteln und Personal
kann er nur einmal im Jahr für eine Woche hier zu Besuch
sein. Er diagnostiziert einen Oberschenkelbruch und leitet einen
komplikationslosen Heilungsprozess ein. Nach einem Jahr ist John
beschwerdefrei. John hat Glück gehabt: Wäre der Chirurg
nicht da gewesen, hätte er höchstwahrscheinlich bis ans
Lebensende an den Folgen seines Unfalls zu leiden.
John liegt im Spital von Lata. Die medizinische Zugvorrichtung
am Oberschenkel ist improvisiert. Schnüre und Blöcke
eines Segelschiffes wurden dafür verwendet.
Diese Geschichte zeigt nicht nur das Tätigkeitsfeld von Dr.
Hermann Oberli auf, sondern lässt auch erahnen, in welchem
Zustand die medizinische Versorgung mancherorts auf unserer Erde
ist.
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