Überleben mit dem Schrott der High-Tech-Medizin
Interview über den medizinischen Überlebenskampf im
so viel propagierten Südsee-Paradies mit Dr. Hermann Oberli,
Chirurgischer Chefarzt am Zentralspital von Honiara, der
Hauptstadt der Salomonen-Inseln.
Die Salomonen sind kaum zivilisiert, liegen fernab des grossen
Weltgeschehens. Herr Dr. Oberli, Sie arbeiten hier unter extrem
schweren Bedingungen. Anderswo könnten Sie es doch
angenehmer haben. Weshalb sind Sie hier?
Die Arbeit und das Leben in einem armen Land sind in jeder
Hinsicht eine Herausforderung. Das Spektrum chirurgischer
Probleme ist sehr breit. Ich erachte es als Privileg, einen
wesentlichen Teil des Lebens im tropischen Südpazifik
verbringen zu können. Wenn ich aus Zeitungen oder Briefen
von Kollegen vom Umbruch und der Verunsicherung im
Gesundheitswesen in der Schweiz erfahre, bin ich jeden Tag erneut
froh darüber, hier zu sein.
Mit europäischen Verhältnissen verglichen reicht
Ihr Arbeitsgebiet von London bis Südsizilien und von Monaco
bis Berlin. Die Salomonen bestehen aus rund 900 Inseln, verteilt
auf einer Meeresfläche von 1,3 Millionen
Quadratkilometern...
Ich arbeite am einzigen Zentralspital des Landes und bin
für 400 000 Einwohner auch der einzige voll ausgebildete
Chirurg. Das Spital, im Zweiten Weltkrieg von den Amerikanern
gebaut, hat heute etwa 90 chirurgische Betten mit einer Belegung
von meistens 100% oder mehr (wenn zwei Patienten ein Bett
teilen). Von den sieben Arztstellen auf der Chirurgie sind aus
Geldmangel zurzeit nur drei besetzt. Zum Glück haben wir oft
Volontärärzte aus der Schweiz oder anderen
europäischen Ländern hier, die ohne jede
Entschädigung längere Zeit bei uns arbeiten. Ich bin
vom Prime Minister's Department mit dem Auftrag angestellt, im
Land eine den Bedürfnissen und Mitteln angepasste
Unfallchirurgie und Orthopädie aufzubauen.
Es ist bekannt, dass in der Südsee die Uhren anders
gehen. Man lebt meist im Hier und Jetzt, gibt sich Zeit,
gönnt sich Musse. Wie muss man sich Ihren durchschnittlichen
Tagesablauf vorstellen?
Am Morgenrapport treffen sich die Chirurgen um 7:45 Uhr. Ich
bin ein wenig stolz darauf, diesen Rapport und vor allem den
Begriff «Swiss Time» eingeführt zu haben. Wir
sind nämlich die einzigen Ärzte am Spital, die am
Morgen pünktlich zur Arbeit erscheinen. Die meiste Zeit des
Tages verbringen wir anschliessend im Operationssaal. Die Arbeit
auf den Abteilungen wird zurzeit sträflich
vernachlässigt, da aus finanziellen Gründen zu wenig
Arztstellen besetzt sind. Zweimal wöchentlich gibt es eine
ausgedehnte Frakturen-Sprechstunde zur Nachbehandlung von
Knochenbrüchen.
Wie ist das Gesundheitswesen auf den Salomonen organisiert?
Das Gesundheitswesen ist staatlich und für jedermann -
leider meist auch für gut versicherte Ausländer -
unentgeltlich. Schwestern und Hilfsschwestern erbringen die
Basisversorgung. Im ganzen Land gibt es einfache Ambulatorien,
daneben in jeder Provinz ein Spital - von sehr unterschiedlicher
Grösse und Ausstattung - und in der Hauptstadt Honiara das
Zentralspital. Neuerdings arbeiten in Honiara einige Ärzte
in freier Praxis, oft praktisch ohne Infrastruktur.
Wie sieht es mit der Finanzierung und Kostenverteilung aus?
Das staatliche Gesamtbudget für das Gesundheitswesen
beträgt etwa 13 Mio. Schweizer Franken oder gut 30 Franken
pro Kopf und Jahr. Für medizinische Güter
(Operationsmaterial, Gips, Verbände, Infusionen, Labor usw.)
stehen pro Kopf und Jahr 4.50 Franken zur Verfügung. In
diesem Budget ist alles und jedes eingeschlossen, auch das Auto
des Gesundheitsministers, seine Auslandreisen, ebenso die
Schwesternschulen. Leider hatten wir im letzten Jahr eine
Währungsabwertung von 20%. Zusätzlich hat die Regierung
das Gesundheitsbudget noch um weitere 20% gekürzt. Man
stelle sich vor, was das in der Schweiz für einen Aufruhr
zur Folge hätte.
Wenn die Hydraulik des Operationstisches defekt ist, wir er mit
Blöcken aus Teakholz abgestützt.
Apropos Schweiz: Können Sie uns eine Vergleichszahl
nennen?
In der Schweiz stehen im Moment etwa 4000 bis 4500 Franken
pro Kopf und Jahr zur Verfügung.
Kann der medizinische Bedarf auf den Salomonen überhaupt
abgedeckt werden?
Das kommt darauf an, was man sich darunter vorstellt. Die
Lücke zwischen Angebot und Nachfrage wird immer
grösser; darunter sind die Bevölkerungsexplosion, neue
Krankheiten, laufend zunehmende Unfälle usw. zu verstehen.
Glücklicherweise ist die Anspruchsmentalität, wie sie
heute in den Industrieländern herrscht, nicht sehr
ausgeprägt. Bei uns sterben Patienten an einer
Blinddarmentzündung oder an einem eingeklemmten
Leistenbruch, weil sie nicht rechtzeitig in Spitalbehandlung
kommen. Kürzlich traf ich einen jungen Mann, dem vor Jahren
wegen einem einfachen offenen Unterschenkelbruch in einem
Provinzspital das Bein amputiert worden ist, weil man sonst
nichts zu offerieren hatte. Ein zunehmender Bedarf, und das
betrifft mein Projekt ganz speziell, entsteht durch die immer
häufigeren Unfälle. Im Nachbarland Papua Neuguinea sind
Unfälle schon heute die häufigste Todesursache der im
Erwerbsleben stehenden Bevölkerung.
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| Patient mit Durchschuss im Unterkiefer. Die Verletzung
stammt aus dem Krieg in Bougainville. |
Korrektur einer Fehlstellung nach einem
Vorderarmbruch. |
Die Konsequenzen für Sie?
Ich muss mich täglich darauf besinnen, was ich in
diesem Land erreichen will, und die knappen vorhandenen Mittel
müssen vernünftig eingesetzt werden. Ich muss
unterscheiden zwischen dem, was wünschbar und und dem, was
machbar ist. Ethnische Konflikte sind da vorprogrammiert. Die
sogenannte Triage, d.h. die Auswahl der Patienten, die behandelt
werden sollen, ist in Europa in Friedenszeiten selten nötig.
Hier ist das ein täglich wiederkehrendes Ereignis, das zu
psychischen Konfliktsituationen führt und nicht von
ungefähr als die «Lehre vom bitteren Handeln»
bezeichnet wird. Kürzlich verlangte ein Pfleger aus der weit
entfernten Provinz Temotu einen Charterflug (Flugzeit retour
sechs Stunden, Kosten etwa 4000 Franken), um von seinem Spital,
das ohne Arzt ist, zwei Kinder abzuholen, ein Mädchen mit
einem Oberarm- und Vorderarmbruch und einen Knaben, der sich vor
einem Monat das Hüftgelenk ausgerenkt hatte. Ich musste den
Flug ablehnen und dem Pfleger mitteilen, er solle die Kinder mit
dem nächsten Schiff (fährt in etwa sechs Wochen) nach
Honiara schicken, da uns kein Geld für Charterflüge zur
Verfügung steht.
Wie gehen die Patienten damit um?
Ich staune immer wieder von neuem darüber, wie
anspruchslos und geduldig unsere Patienten sind, besonders in
Anbetracht dessen, was sie alles auf sich nehmen müssen.
Wenn ich zu einem Patienten komme, der ohne Leintuch und
Kopfkissen auf seinem Bett liegt und unter dem Bett auf dem
nackten Boden seine ihn betreuende Frau schlafen sehe, denke ich
jeweils an die Fünfstern-Hotellerie, die den Patienten in
schweizerischen Privatkliniken angeboten wird. Und wenn ich
vernehme, dass ein Mann mit seiner akuten
Blinddarmentzündung 30 Kilometer weit marschiert, kommt mir
in den Sinn, dass jeder Punkt der Schweiz in etwa 15 Minuten mit
dem Helikopter (und einem Arzt an Bord) erreichbar ist.
Eindrücklich sind immer wieder die Situationen, wo man einem
Menschen oder seinen Angehörigen erläutern muss, dass
es sich um eine unheilbare Situation handle. Der Patient
verschwindet dann meist sehr rasch aus dem Spital. Er will auf
seine Insel und in sein Dorf zurück. Lebensverlängernde
Massnahmen stehen hier nie zur Diskussion.
Innerhalb der letzten Jahre hat sich die Medizin enorm
welterentwickelt. Können davon auch Länder wie die
Salomonen profitieren?
Nur sehr bedingt. Die gegenwärtige Entwicklung,
besonders in der Chirurgie, ist für uns im Moment
völlig irrelevant. Immer mehr Fortschritte der modernen
Chirurgie in den hoch technisierten Ländern der westlichen
Welt sind für immer weniger Menschen überhaupt noch von
Bedeutung. Während viele arme Länder die
Bevölkerungsexplosion und die entsprechenden medizinischen
Probleme nicht in den Griff bekommen, gibt es in den
Industriestaaten eine hoch stehende Reproduktionsmedizin.
Ärzte in unseren Breitengraden bringen kaum noch
Verständnis für moderne Entwicklungen auf wie
beispielsweise die mikrochirurgische Fertilisation
(Fruchtbarkeitsoperation, die unter dem Mikroskop
durchgeführt wird). «Minimal invasive»
Chirurgie, die immer mehr und immer teureres Wegwerfmaterial
benötigt, steht im Gegensatz zu unserer minimal
ausgerüsteten Chirurgie mit möglichst viel wieder
verwendbarem Material. Sorgsamkeit und Sparsamkeit sind für
uns oberste Gebote. Sogar Wasser ist oft Mangelware. Selbst im
Operationssaal im Zentralspital von Honiara regt sich niemand
auf, wenn kein Wasser aus der Leitung kommt. Ohne viel Worte
füllt das Personal einige Krüge mit Regenwasser aus dem
Tank.
Wie sehen Sie die Entwicklung in Zukunft?
Die Schere öffnet sich immer weiter. Analog der
Weltwirtschaft musste man sagen: Die Armen werden immer
ärmer, die Reichen immer reicher. Man rechnet damit, dass im
Jahr 2000 für 80% der Weltbevölkerung die Situation
ähnlich aussehen wird, wie hier auf den Salomonen. Dazu
gehören natürlich auch Russland und die
osteuropäischen Länder.
Was bedeutet diese Entwicklung für Ihre Situation?
Dank der stetig fortschreitenden Modernisierung fällt
in Spitälern der industrialisierten Welt sehr viel Material
als Schrott an und muss entsorgt werden. Wir können davon
profitieren und erhalten für unsere Verhältnisse
hochwertige Ausrüstungen, die wir uns nie kaufen
könnten.
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| Im Operationssaal: Einheimische Operationsschwestern
studieren aus der Schweiz gespendete Instrumente und
Geräte. |
Sterilisationsapparat im Spital von Munda. Dieses alte
Modell wird in der Schweiz nicht mehr gebraucht, ist aber
wegen seiner einfachen Bedienung auf den Salomonen absolut
leistungsfähig und sinnvoll. Zurzeit fehlt in diesem Ort
ein Arzt, der die Versorgung von 30 000 Einwohnern
sicherstellt. |
Erhalten Sie auch Unterstützung vom Bund?
Wenn Sie mit «Bund» die Eidgenossenschaft
meinen, so lautet die Antwort leider nein. Man kann oder will
sich hier offenbar nicht engagieren. Immerhin wurde ich vom
für uns zuständigen Schweizer Generalkonsul in Sydney
sehr freundlich empfangen. Auch freut es mich, dass er uns
nächstes Jahr in Honiara besuchen will. Wenn Sie mit
«Bund» aber die Zeitung meinen, dann schon! Eine
Leserin eines Artikels über mein Projekt hat sogar einmal
stolze 10 000 Franken auf unser Spendenkonto einbezahlt!
Interview: Hansjörg Hinrichs
Dr. Hermann Oberli, 58. 1966 Staatsexamen. Ausbildung
FMH-Chirurgie in der Schweiz. Ab 1972 Oberarzt bei Prof. Walter
Bandi im Spital Interlaken. 1974 bis 1976 Chirurg in Samoa. 1993
Abschluss seiner insgesamt 17-jährigen Tätigkeit als
Chirurgischer Chefarzt im Spital Meiringen und Beginn seines
Engagements als Chirurgischer Chefarzt im Spital von Honiara auf
den Salomonen. Seit 32 Jahren verheiratet und Vater von zwei
erwachsenen Kindern.
Lichtspiel in den krausen Haarbüscheln von Kindern, die
einen Kindergarten besuchen.
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