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Erfahrungen eines Schweizer-Gynäkologen als
Volontärarzt während eines Jahres in den
Salomon-Inseln
von Dr. med. Erhard Erb (Bilder: H.Oberli)
Es gehört wohl zu den grossen Privilegien, wenn man sich
nach langer privatärztlicher Tätigkeit pensioniert und
anschliessend in einem Entwicklungsland reichste Erfahrungen
sammeln und vielleicht auch ein wenig helfen darf.
Von den Salomon-Inseln ist hier die Rede, ein Gebiet im
Südpazifik von 1'600 x 800 km Grösse mit gegen tausend
Inseln und rund 400'000 Einwohnern. Die Hauptstadt ist Honiara
auf Guadalcanal, wo auch das einzige grössere Spital der
Salomonen, mit ungefähr 300 Betten zu finden ist. In
normalen Zeiten sind hier etwa 30 Ärzte tätig, so auch
der bekannte und begabte Schweizer-Chirurg und Orthopäde Dr.
Hermann Oberli. Leider haben ethnische Spannungen und
schliesslich bürgerkriegsähnliche Zustände in den
vergangenen 2 Jahren die ehemals "happy isles" an den Rand des
Ruins gebracht . Auch wenn der Friedensprozess weiter in guten
Bahnen läuft, dürfte die Erholungsphase viele Jahre
beanspruchen.
In der Frauenheilkunde sind auch hier die zwei grossen Pfeiler
Geburtshilfe und Gynäkologie; im letzteren Fach von
besonderer Bedeutung die operative Versorgung von sehr vielen
Patientinnen. In der kleinen und bescheidenen Gebärabteilung
kommen jedes Jahr über 3000 Kinder auf die Welt.
Während der Eröffnungsperiode sind alle Frauen
beieinander in einem recht kleinen Raum mit 6 Liegen. Oftmals
befinden sich dort aber 12 oder mehr Frauen, alle mit mehr oder
weniger starken Kontraktionen, herumliegend oder stehend oder am
Boden sitzend. Allen diesen Gebärenden stelle ich nicht nur
das allerbeste Zeugnis aus, nein, ich kann es kaum fassen: Keine
gibt einen Laut von sich, allerhöchstens verzieht sie in
einem heftigen Weh etwas den Mund.
Und wenn es dann so weit ist, gibt sie der Schwester oder
Hebamme Bescheid - es gibt nur wenig diplomierte Hebammen - und
dann geht es weiter in einem der vier winzig kleinen
Gebärzimmer. Dort steht ein Gyni-Stuhl, auf dem die
Gebärende jetzt ihre Füsse auf eng am Stuhl anliegende
Beinstützen stemmt und so entbindet. Unter den gegebenen
Bedingungen ist eine moderne Überwachung des Feten nicht
möglich , abgesehen davon, dass ein
Cardiotokographie-Gerät nicht vorhanden ist. Schmerzmittel
zur Geburt werden keine gebraucht und auch nicht verlangt,
geschweige denn eine Periduralanästhesie oder was auch
immer. Auch hier habe ich noch nie einen Ton gehört!
Praktisch alles wird von der Hebamme oder der angelernten
Schwester gemacht; auch die vielen Beckenendlagen, sogar bei
Erstgebärenden, und auch Zwillinge, die hier viel
häufiger vorkommen als bei uns. Eine Frau auf einer
entfernten Insel hat 8 eigene Kinder geboren, ist aber nur 3 mal
schwanger gewesen. Ganz einfach: 2 mal Drillinge, 1 mal
Zwillinge. Episiotomien werden höchst selten geschnitten und
wenn, dann wie die Dammrisse von der Hebamme genäht. Die
Salomon-Frauen haben Damm- und Beckenverhältnisse, von denen
man in der ersten Welt nur träumen könnte!
Wird dann aber, aus welchem Grund auch immer, vom
Gebärsaal der Arzt gerufen, so weiss dieser genau, dass es
ernst ist und er sich beeilen muss. Für ihn gibt es immer
noch genügend Einsatzmöglichkeiten, so z.B. die Sectio,
ausnahmsweise ein schwerer Dammriss III oder IV, Zange oder
Vacuum, manuelle Lösung, Atonie (extrem selten ) und anderes
mehr, natürlich auch Beurteilung von besondern Situationen.
Es ist so wunderschön, den Kompetenzstreit zwischen Arzt und
Hebamme, wie er bei uns zum Alptraum geworden ist, gibt es hier
überhaupt nicht. Eine Nacht habe ich hier erlebt mit 20
Geburten, eine davon Sectio. Erstgebärende sind hier
zwischen 15- und 18-jährig, selten älter!
Ähnlich geht es auf den Inseln zu, nur dass dort die
Möglichkeit der Hilfe äusserst beschränkt ist.
Eine Frau ist nach einer 2 - tägigen Kanureise und einem
ganzen Tag Fussmarsch zu uns gekommen zur Tubenligatur; sie hatte
über die Jahre 10 Kinder völlig alleine, ohne jede
Hilfe, im Busch geboren!
Männer sind bei der Geburt nie dabei auf den Salomonen,
ja nicht einmal irgendwo in der Nähe. Einerseits haben sie
Angst, andererseits ist das "nichts Männliches"!
Man darf wohl mit voller Überzeugung sagen, dass die
Frauen hier leider zu viele Kinder haben, einerseits wegen
fehlender oder völlig insuffizienter Familienplanung,
andererseits weil zahlreiche Kinder als Reichtum angesehen
werden. Ein Beispiel, wohin das führt, ist jetzt über
die Bühne gegangen: Das total übervölkerte
Malaita!
Stillen ist in den Salomonen eine absolute Notwendigkeit, weil
sich niemand ein Nestlé-Produkt oder was auch immer
leisten kann und solche Ersatzmilch auch gar nicht vorhanden ist,
vor allem nicht auf den Inseln. Das Stillen geht noch viel
weiter, als wir uns das vorstellen können. Eine schwer
Retardierte hat kürzlich bei uns durch Sectio entbunden und
ist dann auch unfähig gewesen zum Stillen. Ihre 20 Jahre
ältere Schwester hat sie von einer entfernten Insel zu uns
begleitet und hat auch wesentlich in der Pflege mitgeholfen. Nun
wird das Kind bei dieser Schwester angesetzt, zusätzlich
werden gewisse Säfte gegeben und ein wenig Largactil. Die
Frau hat nota bene ihr letztes Kind vor 20 Jahren geboren . Die
Schwestern behaupten, so etwas schon oft versucht zu haben und
meistens funktioniere es!
Zur Schwangerschaftskontrolle gehen viele Frauen gar nicht
oder dann in spezielle Polikliniken. Wegen dieser sehr
lückenhaften Kontrollen sind schwere Komplikationen sehr
häufig, wie Prae-Eklampsie, intrauteriner Fruchttod wegen
Diabetes und anderem, Infekte jeglicher Art mit extremer
Häufung der Malaria und anderes mehr. Einzig die
Rhesus-Krankheit ist hier unbekannt, weil alle Leute Rh pos
sind.
Die Operationsabteilung mit ihren 3 sterilen und 2 andern
Sälen funktioniert recht gut und verfügt auch über
viele Instrumente und Apparate, mit besonderer
Berücksichtigung der orthopädischen Chirurgie.
An vieles hat man sich zu gewöhnen und ist im Anfang
erstaunt bis leicht schockiert, so z.B. die überall
vorhandenen Mücken, die nicht selten anzutreffenden
Kakerlaken im Umkleideraum, wo auch oft Wasser vom Dach durch die
seit ewig bestehende Lücke herunter tropft. Man sucht sich
seine Ops-Kleider, die meistens zu klein und selten zu gross
sind, oft defekt und mit Fremdmaterial geflickt - das alles macht
überhaupt nichts: Ich habe noch nirgends so gute
postoperative Verläufe gesehen wie hier.
Seit dem Krieg fehlt es an allem: Kein Wasser, kein Diesel
für die Notstromgruppe, Fehlen von Medikamenten, von Blut,
weil keine Bestecke zum Abnehmen mehr vorhanden sind - die ganze
Liste würde sehr lang. Und trotzdem, was hier an
chirurgischer Arbeit geleistet wird, ist beachtlich.
Wenn ein Kollege verschleppte und Spätfälle sehen
will, muss er wahrlich hierher kommen.
Beim ersten Bauchschnitt hier in Honiara habe ich geglaubt,
das Skalpell sei stumpf; der Grund liegt anderswo: Die schwarze
Haut ist viel zäher.
Ein 19-jähriges Mädchen ist gekommen wegen Atemnot
mit einem Bauch wie bei einer Terminschwangerschaft. Sie hat
schweren Ascites gehabt bei einem riesigen Ovarialcarcinom; das
ganze Netz dick voll, zum Glück aber keine wesentliche
andere Streuung im Bauchraum. Die Operation konnte ziemlich
radikal erfolgen; jetzt sollte das arme Menschenkind aber seit
bereits 2 Monaten nach Australien zur Chemotherapie geschickt
werden. Beim Gesundheitsministerium hat man von Woche zu Woche
eine andere Ausrede, warum das Mädchen immer noch hier sei.
Ich insistiere weiter.
Wenig später kam ein 13-jähriges Kind mitten in der
Pubertät mit ähnlichem Befund. Leider war hier eine
Operation überhaupt nicht mehr möglich; es gelang mir
nur, das 25 cm dicke Netz zu entfernen. Den grossen Tumor konnte
ich wegen massivster Verwachsungen und der Unmöglichkeit der
Blutstillung nicht entfernen; zudem hatte das arme Kind bereits
multiple Lebermetastasen.
Nicht lange danach kam eine 40-jährige Ledige mit einem
vergleichbaren Befund. Dann gibt es Cervix- und
Endometrium-Carcinome, leider auch oft Spätfälle. Zur
Zeit habe ich auf der Abteilung eine 29-jährige Air-Hostess
praeterminal mit Cervix-Ca, massive Durchbrüche in die Blase
und ins Rectum, Fernmetastasen u.a. auch im Gehirn. Bis zum
Stadium II B mache ich die Wertheim-Operation, weil es für
die Patientin die einzige Chance ist - der Staat hat kein Geld
für die Verlegung nach Overseas zur Bestrahlung , und hier
gibt es keine Radiotherapie.
Die myomatösen Uteri haben in der Regel eine Grösse
bis über den Nabel, vorher geht niemand zum Arzt, meistens
auch wegen Blutungen oder Schmerzen nicht. Die Grösse ist
für die Operation nicht das Hauptproblem, aber die massiven
Verwachsungen! Kürzlich kam ein Frau von weit entfernt mit
einem evertierten und total prolabierten Uterus, daran haftend
ein 2 kg schweres total nekrotisches Myom, das buchstäblich
zum Himmel gestunken hat. Die Cervix fühlte sich in der
Vagina schlank an, so konnte in Lokalanaesthesie vaginal, unter
Belassung eines Cervixstumpfes, Uterus und nekrotischer Tumor
entfernt werden - Abteilung und Patientin waren wie
erlöst.
Mamma-Carcinome gibt es auch, im Verhältnis aber sehr
selten. Absolut alltäglich sind die
Eileiterschwangerschaften; leider nicht nur frische, sondern auch
monate- bis jahrealte Gebilde mit schwarzem Blut,
Granulationsgewege, schweren narbigen Veränderungen und
Verwachsungen bis zur Unkenntlichkeit jeglicher Anatomie. Bei
einem solchen Fall reichte das tumoröse Gebilde bis fast zum
Rippenbogen. Fisteln gibt es ebenfalls in den Salomonen. Sie
strapazieren den Operateur besonders stark, vor allem weil das
Beiziehen einer andern Instanz oder die Verlegung der Patientin
gar nicht in Frage kommen.
Betrachtet man die Freuden und Leiden eines Arztes hier auf
den Salomonen, so gibt es zweifellos sehr viel Positives. Die
Menschen sind überaus liebenswert, dankbar und ehrlich, sie
haben ihren eigenen Stolz und sind dadurch keineswegs
unterwürfig. Es gibt wohl keinen einzigen Bettler, gestohlen
wurde nur von den militanten Gruppen jetzt im Krieg, sonst kann
man sich völlig sicher fühlen. Die Schönheit des
Landes mit ihrem sanften Öko-Tourismus, mit der
prächtigen Tropen-Vegetation, den riesigen Palmenhainen an
menschenleeren Stränden, den Tauchgründen und
ungezählten kleinen und grossen ganz speziellen
Naturschönheiten ist sagenhaft.
Die Salomon-Inseln sind eine Reise wert, zur Erforschung und
Erholung weitab von jeder Hektik - hier gilt die Salomon-Zeit
nach dem Motto "time is not money" - aber auch zu einem
volontären Einsatz für kürzere oder längere
Zeit.
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