|
Honiara, Solomon Islands, 29. Oktober 2003
Ausgangslage
Hermann Oberli hat die Salomon Inseln seit
einiger Zeit verlassen. Mein Sohn Jon Andri hatte diesen
992-Inseln-Staat dank seiner Freundin Jessica, die fremde Welten
liebt und bereist, entdeckt und im letzten März, wie
anderweitig bereits berichtet, aufgesucht. Da war Hermann Oberli
als Chefarzt noch im Amt. Er und seine Frau Elisabeth, haben JJ
(Jessica und Jon) bestens und herzlich eingeführt. Sie
fühlten und fühlen sich den Umständen entsprechend
auch sehr wohl in diesem nicht leichten Entwicklungsland.
Elternwunsch
Seit längerer Zeit hegten wir Eltern den
Wunsch, die Jungmannschaft dort zu besuchen. Nun wurde es am
letzten Donnerstag, nach einer zweitägigen Reise,
Realität. Wegen dringender Familienangelegenheiten und einem
y-förmigen Riss in einem meiner Fussknöchel hatten wir
vier Tage Verspätung, also keine Zeit den Zeitunterschied
wie geplant etappenweise unterwegs und / oder vor Ort geruhsam zu
verkraften.
Ankunft
Armeehelikopter und trainierende Soldaten der
australischen Besatzungstruppe säumten die Piste des
Henderson Flughafens (ein amerikanisches Legat) und die
salomonische Flugzeugbesatzung entliess uns, Chatrina
Largiadèr Lutz, ihre Freundin Simone und den Schreibenden,
aus der Frische der Vanuatu Air Maschine in die feuchte
Nachmittagshitze und zum Schlangestehen in die "Visitors"-kolonne
der örtlichen Flughafenpolizei. Welche Adresse haben Sie bei
Ihrem Aufenthalt? Villa Doctor Lutz Honiara, war die verlegene,
aber den Beamten völlig zufrieden stellende, Antwort. Denn
wir hatten sonst nur die Spitaladresse, eine E-Mail-Adresse
(wohin führt die geographisch?) und zwei Telefonnummern.
Der Zöllner wollte von unserem
Gepäck nichts wissen und nach kaum einer halben Stunde,
allerdings triefend, waren wir kurz und der Schweissentwicklung
angemessen auch etwas distanziert in den Armen von JJ. Mutter
Chatrina war es vielleicht etwas länger.
Mit einem Taxi fuhren die Frauen mit fast
allem Gepäck vom internationalen zum lokalen Flughafen und
Jon Andri und ich legten diese Distanz mit unseren
Rucksäcken zu Fuss zurück. Die "Locals" verstanden uns
oder die Welt nicht...
Inselparadies
 |
| Ankunft in Munda |
Eine Twinotter brachte uns nach Munda, Provinz
New Georgia. Das Gepäck wurde mehrmals ausgeladen, per
Augenmass und durch Hochheben gewogen und wieder betrachtet.
Schliesslich musste eine grosse Schachtel mit Motorenöldosen
in Honiara bleiben (ein Passagier schien gleichzeitig auf den
Flug zu verzichten) und der elegante blaue Marrionaudsack unserer
Mitreisenden wurde endlich definitiv verstaut. Eine Hostess kam
in die kleine Maschine, um uns die Sicherheitshinweise zu
rezitieren. Weshalb sie mit uns flog war und blieb uns ein
Rätsel. Auf dem Copilotensitz nahm ein Passagier platz. Die
Sicht auf die verschiedensten Inseln, Vulkane und Atolle und den
Südpazifik war dann aber berauschend. Nach 80 Minuten in
Munda auf einer Hartbelagpiste inmitten des Busches nahm ein
Polizeiauto unser Gepäck auf und fuhr es zum nahen
Anlegesteg. Ein Motorboot brachte Jessicas Gruppe, uns fünf,
in verwegener Fahrt zur Vona Vona Lagune auf die Insel Lola in
ein Resort. Nur Regen und die Untiefen bei einigen Korallenriffs
bremsten zwischenzeitlich die 30-minütige Fahrt.
 |
| Bungalow |
Traditionell gebaute Bungalows, auf
Pfählen im Sand, waren unsere Wohn- und Schlafstätten.
Keine Fenster und Türen, keine Schlösser. Holz war
für die tragenden Strukturen verwendet worden und
getrocknete Palmblätter, zu Elementen aufgerüstet,
für das Giebeldach und die Wände. Die Fensterluken
können bei starkem Regen und / oder Wind durch
Hinunterklappen der mit aus Palmblättern auf leichter
Holzstruktur gefertigten Läden geschlossen werden. Die
meisten "konstruktiven Knoten" der Gebäude sind mit
bastartigen Streifen gebunden. Man sieht fast keine Nägel.
Auch die Möbel sind vor Ort mit natürlichen Baustoffen
gefertigt worden.
 |
| Aussicht |
Joe (ein ehemaliger amerikanischer Fischer)
und Lisa (eine Melanesierin aus der Gegend) erbauen und betreiben
dieses Ressort seit 1989. Tasca ist der Tauchmeister. Er
begleitete uns ständig, führte und betreute uns. George
ist der Schiffsmann. Er steuerte meistens und betreute die beiden
Aussenbordmotoren des jeweiligen Bootes. Der Rest der Insulaner
tauchte zwar, auf der Insel, allerorts auf und unter, war aber
sehr diskret und wenn sichtbar immer beschäftigt. Die Kinder
gingen morgens mit George nach Munda zur Schule und kamen am
Abend mit ihm zurück. Der gesprächigste Inselbewohner
war sicher Louis, der Kakadu. Mit einer Jacht mit Gästen
ganz jung auf die Insel gekommen, ist er nun zwar in Freiheit,
ausser wenn Gäste auf der Insel sind. Er hat nämlich
die dumme Angewohnheit dem jeweils unangenehmsten Gast die Augen
anzugreifen. Nun begrüsst er einem aus seinem grossen
Käfig beim Schiffssteg, sagt "OK" und bestellt eine "Cup of
Tea". Er hat immer Besuch von den gefrässigen Hühnern,
die von den Abfällen seiner tollen Menus profitieren und
damit ihre Pickaktionen im sonst schon reichen Jagdgrund anders
belohnt sehen. Drei Gockel, (ab fünf Uhr lauthals ihre
Chefrufe ausstossend), ein Schwein und zwei Hunde ergänzen
die sichtbare Menagerie.
Wir fünf waren die einzigen Gäste
auf der Insel. Das Ressort hat eine Kapazität von 24
Personen. Die Kost war vorzüglich. Hummer, Fische kamen ganz
frisch aus der Nähe und Früchte und Gemüse,
reichhaltig und bekömmlich, von Munda. Das Brot war aus
Lisas Ofen. Man vergisst, die erfahrenen Salomon Insulaner vor
Allem vergessen dabei gar, dass sie noch in diesem Land leben.
Nur die Zeit steht gleichermassen still.
Die Notstromgruppe läuft von sechs Uhr
morgens bis Mitternacht. Meist übertönen Grillen mit
ihrem zikadenartigen Zirpen und vielfältige Vögel mit
ihrem Gezwitscher deren brummendes Geräusch. Vom Meer ist
wenig zu hören.
Ab Dämmerung setzt man sich
anfänglich mit den Fliegen und Moskitos auseinander.
Entsprechende Kleidung wird angezogen oder heruntergekrempelt und
Abwehrmittel auf Haut und Netze versprüht. Die Betten sind
alle mit Netzen ausgerüstet. Man sollte sie allerdings
zeitgerecht und richtig für die Nacht vorbereiten.
Gegen Feuerameisen helfen auch diese
Vorkehrungen nichts und dass ausgerechnet unsere erfahrensten
Salomon Insulaner, JJ, in Mitleidenschaft gezogen wurden, war ein
kleines Glück im kleinen Ungemach der Schweizer.
Wir wollen hier nicht von den leiblichen
Vergnügen und Schwimm-, Tauch- und Fischgängen
berichten. Dafür wäre eine blumige Sprache, eine
wirklich ganze Farbenpalette auch mit grellen Tönen und
entsprechendes Latein von Nöten. Aber jede und jeder kam auf
seine Rechnung in einer noch intakten Wassernaturlandschaft. Die
Fische schnappten an, die Haie zeigten sich unseren Tieftauchern
Tasca und Jon auf angemessene Distanz und die Mantas in
nächster Nähe.
 |
 |
| Hai |
Manta |
Die Schnorchelgänge führten uns in
Korallenbiotope wie sie nicht einmal in unzähligen Aquarien
nachgestellt werden könnten. In den Pausen wurde das
Fischerlatein mit den geschossenen Bildern am Computer angefacht
und relativiert. Sonne, Regen, weisser Korallensand, die satten
Vegetationsgrüns und die verschiedenen Wasserblaus ergeben
das Postkartenbild. Zusätzliche Farbtupfer stammen von den
verschiedensten Blüten und Blumen.
Tourismus
Wir besuchten, gegen eine kleine
Zollgebühr, einen früher traditionellen Ahnenfriedhof
auf einer kleinen Insel. Dort werden die sichtbaren Schädel
grosser Krieger in heute angefressenen Schreinen in Ehre,
Würde und Ruhe aufbewahrt.
Inselleben anders
Besonders beeindruckend war ein Besuch bei
einer einfachen Familie auf einer anderen Insel. Der
72-jährige Familienchef, mindestens dreier Sprachen
mächtig, nämlich Englisch, örtliches Pidgin und
seine melanesische Stammessprache, stellte uns einen Grossteil
seiner zehn Kinder und vierzig Enkelkinder vor. Geflochtenes,
worunter die bekannten Körbe erster Qualität, fertigt
er an, hat aber scheinbar das Handwerk seinen Kindern nicht
überliefert, ebenso wenig seine recht gute Ausbildung,
zumindest was das Englische anbetrifft.
Ein Rundgang im Dörfchen und im reichen
Garten und Ackerfeld, die dem Busch abgerungen wurden, gab uns
einen guten und realistischen Einblick. Ananas, Mangos, Papayas,
solomonische Äpfel, Bohnen, Kräuter, süsse
Kartoffeln, Mais, Reis, süsse Zwiebeln und viele andere
Produkte werden angepflanzt und geerntet. Auch gewisse
Hölzer werden bewusst genutzt.
Die meisten Familienangehörigen konnten
scheinbar "nur noch" Pidgin und ihre melanesische Stammessprache.
Erschüttert hat uns die Antwort, dass die gesehenen Kinder
alle nicht in die Schule gehen. Auf den Solomon Inseln muss man
für die Schule zahlen. Dazu kommen die Uniform und der
Transport, in dieser Region übers Wasser, zur nächsten
Schule.
Die Leute waren herzlich, gewisse scheu, offen
und stolz. Sie konnten einen Korb verkaufen und haben unsere
Besuchsgebühr von Tasca bekommen. Zum guten Glück
hatten wir unsere Kameras vergessen, es wäre einem jeden von
uns peinlich gewesen Fotos zu machen.
Zurück in Honiara
Wir haben die Hauptstadt besucht, die immer
gleichen Läden durchstöbert, das Spital mit der
"schweizerischen" Frakturklinik und der Telepathologie
inspiziert, den Markt errochen, Chinatown durchschritten und das
amerikanische Memorial erklommen, das für die Soldaten
errichtet wurde, die in dieser Gegend gegen die Japaner die wohl
entscheidende Seeschlacht des Südpazifiks im 2. Weltkrieg
bestritten haben. Sie ist, architektonisch gesehen, keine
beeindruckende Stadt. Im Zentrum liegt ein kleiner,
ältlicher Hafen, eine scheinbar einzige Strasse zieht
entlang des lokal leider recht stark verschmutzten Meeres,
beidseitig von ein- bis zweistöckigen Häusern
gesäumt. Es ist ein grosses Strassendorf mit Nationalbank,
Yachtclub, Nobelhotel und einigen öffentlichen
Gebäuden, vierzigtausend Einwohnern, die meisten
wahrscheinlich in den Slums, wovon einige auch an erster Adresse
liegen. Ohne Schwierigkeiten benutzen wir die kleinen Minibusse,
die einem in der Stadt schnell und billig von einem Punkt zum
anderen bringen. "Unser" Haus, leicht ausserhalb der Stadt in
einer sehr schönen Anlage in schon etwas luftigerer
Höhe gelegen, erlaubte uns schöne Abende im Kreise der
manchmal erweiterten Familie.
|
|
| Ausblick vom Mt Austin Richtung
Spital |
Ausblick vom Mt Austin auf den Mataniko
River |
Dritte Welt
Das Leben für unsere Jungmannschaft ist
hier vielleicht nicht leicht, wenn wir unsere westlichen
Massstäbe aus der ersten, alten Welt und die dort
übliche Konsummentalität anwenden, aber mit der
richtigen Einstellung sind auch Schweizer beruflich und privat in
der Lage, den dortigen Leuten einen kleinen Dienst zu erweisen
und selbst sehr viel zu lernen, auch und gerade auf menschlicher
Ebene. Gewisse Schwierigkeiten müssen überwunden oder
umschifft werden, Dienstleistungen und Handreichungen sind zu
tauschen oder einfach zu schenken oder anzunehmen, die Zeit
einmal etwas fahren zu lassen ohne in westliche
Aggressivität oder Depression zu verfallen. Die Wärme
und die Sonne erheitern offensichtlich die Gemüter. Stress
ist unbekannt, ausser bei jenen Auswärtigen, die das Warten
nicht ausfüllen können und darob in Stress geraten.
Zu erwähnen sind noch die zahlreichen
grossen Freikirchen und die meist protzigen Gebäulichkeiten
der sektenartigen Gemeinschaften, die allgegenwärtigen
Kokosnüsse und die beliebten Betelnüsse, die wie Drogen
von Tausenden (kauend) konsumiert werden und ausser den
Zähnen, wenn entsprechend ausgespuckt, hier ganze Trottoirs
und dort Wasserlachen rot färben.
Melancholie
Es ist ein schönes Land mit Herz,
wirtschaftlich arm aber jederzeit einen Besuch wert, um seiner
Menschen, um seiner überbordenden kräftigen Natur
willen.
Mit Souvenirs vom Lande und guten
familiären Erinnerungen reisen wir morgen in andere
Südpazifikgefilde ab. Die Jungmannschaft bleibt.
Pierre Lutz, Vater eines Volontärs
© Oktober 2003 Pierre Lutz
|