Kurzinterview mit Dr. Remigi Joller
(Bilder: R. Joller, Portrait: H. Oberli)
Dr. Remigi Joller ist Chefarzt Orthopädie im
Kantonsspital Uri in Altdorf.
Er war dieses Jahr zum vierten Mal auf den Salomon-Inseln und
hat unseren Fragebogen
ausgefüllt.
Herr Dr. Joller, bei welcher Gelegenheit haben Sie Dr.
Oberli kennengelernt?
Vor mehr als 20 Jahren, und zwar nicht aus beruflichen
Gründen, sondern wegen eines gemeinsamen Hobbys, dem
Hochseesegeln.
In welchen Jahren waren Sie zuvor auf den
Salomon-Inseln?
1996, 1999 und 2001.
Waren Ihre Besuche zu verschiedenen Zeiten des Jahres?
Alle Besuche waren zwischen April und September, also in der
sogenannten "cold season".
Welche Monate haben Sie als die angenehmsten empfunden?
Es gibt keine Unterschiede. Natürlich ist das Klima heiss
und feucht, aber die Nähe zum Meer mit kühlen Brisen
macht das ganze gut erträglich.
Was zieht Sie immer wieder auf die Salomon-Inseln?
Es gibt viele Gründe. Einerseits die Verbundenheit mit der
Familie Oberli und die Bewunderung für die Arbeit von Dr.
Oberli auf den Salomonen. Daneben auch der persönliche
Lerneffekt, einerseits das Arbeiten mit einfachen Mitteln in
einer schlechten Infrastruktur, anderseits die Denkanstösse,
die man erhält, wenn man die dortigen Umstände mit
unserer Spitzenmedizin vergleicht. Nicht zuletzt aber auch die
herrliche Südseelandschaft ausserhalb von Honiara und eine
gewisse Faszination durch die melanesische Kultur.
Was kostete die letzte Reise nach Honiara und
zurück?
Um die schwere Ausrüstung mitnehmen zu können, musste
ich Business-Class reisen, entsprechend ca. CHF 8000.--.
Wann sind Sie auf den Salomon-Inseln angekommen?
Am 9. April 2002.
Gab es bürokratische Hürden, z.B. mit Ihrem
Koffer voll medizinischen Materials?
Eigentlich nicht. Vom Reisebüro wurde bei der
Fluggesellschaft ein Mehrbedarf angemeldet und ich konnte ohne
Zusatzkosten 50 kg mitnehmen. Zum Glück hatte ich in
Brisbane innert weniger als 8 Stunden einen Anschlussflug nach
Honiara, so dass ich im Transit bleiben konnte und nicht das
ganze Gepäck in Australien durch den Zoll bringen musste,
was sicher nicht ganz ohne Probleme gegangen wäre. In
Honiara hatte ich bei der Einreise dank eines Schreibens des
Gesundheitsministeriums überhaupt keine Probleme.
Was war Ihr erster Eindruck, als Sie das erste Mal auf den
Salomon-Inseln angekommen sind?
1996 Ankunft in der Nacht im alten Terminal (nun Domestic
Airport) im strömenden tropischen Regen, wobei man wegen der
langsamen Zollabwicklung lange im Regen stehen musste. Am andern
Tag dann wunderschönes Wetter. Der erste Eindruck von
Honiara war allerdings eher gemischt, schmutzige Strassen voll
Schlaglöcher etc.
Was überraschte Sie positiv gegenüber Ihrem
letzten Besuch?
Beim vorletzten Besuch im 1999 erlebte ich den ersten Ausbruch
der ethnischen Spannungen, d.h. die Phase der Vertreibung von
Malaitern durch die IFF mit Opfern von Gewalttätigkeiten im
Spital, Strassensperren etc. Auch im Herbst 2001 kamen wir im
Osten von Honiara noch in eine Strassensperre und wurden einmal
von einem Ex-Militanten der MEF in einem Aussenquartier von
Honiara bedroht. Beim jetzigen Aufenthalt hatte ich, trotz aller
Meldungen über Zusammenbruch von "law and order" nie das
Gefühl einer Bedrohung. Sehr positiv war ich auch
überrascht vom guten Willen, mit welchem v.a. das
Spitalpersonal, aber auch die übrige Bevölkerung
versucht aus der misslichen wirtschaftlichen Lage das Beste zu
machen und sich nicht unterkriegen zu lassen.
Was überraschte Sie negativ gegenüber Ihrem
letzten Besuch?
Die schnell fortschreitende Verschlechterung der
wirtschaftlichen Lage als Folge der ethnischen Spannungen, die
sich zunehmend auch in den Provinzen bemerkbar macht. Stichworte
sind z.B. gravierende Einschränkungen im Gesundheits- und
Bildungswesen, ausstehende Lohnzahlungen, teilweiser
Zusammenbruch und zunehmende Unzuverlässigkeit der
Verkehrsmittel, v.a. im nationalen Flugverkehr, dadurch bedingter
Einbruch im Tourismus v.a. in der Western Province mit der
Gefahr, dass noch funktionierende Hotels, Tauchschulen etc. den
Betrieb aufgeben müssen usw. Nur schon im halben Jahr
zwischen Sept. 2001 und April 2002 hat sich die Lage massiv
verschlechtert.
Wo wohnten Sie?
Ich hatte die Gelegenheit, im Gästezimmer bei der Familie
Oberli zu wohnen, wo ich aufs beste umsorgt wurde. Das neue Haus
der Oberlis liegt, abgesehen von heulenden Hundemeuten in der
Nacht, sehr ruhig im Osten der Stadt in der Nähe des
Flughafens.
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| Das "neue" Haus von Dr. Oberli |
Wichtige Reserve: Dr. Oberli bei der Kontrolle der
Regenwasserzisterne |
Wie haben Sie Ihre "Wohnung" gefunden?
Wie aus obiger Antwort hervorgeht, war keine Suche
nötig.
Was kostete die Wohnung?
Grosszügigerweise konnte ich gratis wohnen.
Wo haben Sie normalerweise gegessen?
Meistens bei Familie Oberli, selten im Spital oder im
Yachtclub.
Was waren typische Mahlzeiten?
Elisabeth Oberli betreibt eine Küche mit einem guten Mix
aus europäischer und lokaler, leichter und bekömmlicher
Kost. Morgenessen meist Birchermüesli und Tee, Mittagessen
Sandwiches, zum Nachtessen dann ein feines Menü.
Was hat Ihnen besonders geschmeckt?
Alles.
Wie hoch waren die Kosten für das Essen?
Dank der Gastfreundschaft der Familie Oberli musste ich nur
selten auswärts essen, also fast gratis.
Welche Transportmittel haben Sie benutzt?
Je nach Situation Mitfahrt mit Hermann Oberli, die
öffentlichen Kleinbusse, in der Freizeit auch Solomon Air
und Motorkanus.
Wie haben Sie Ihre Freizeit verbracht?
Meist bei der Familie Oberli, dann auch Durchstreifen von
Honiara, Einkäufe auf dem Markt. Zusätzlich hatte ich
auch die Gelegenheit zu einem abenteuerlichen Tauchausflug nach
Bonegi (wegen der unsicheren Strassenverhältnisse im Kanu)
und zu einigen unvergesslichen Tagen mit Tauchen, Nichtstun und
gutem Essen auf Uepi in der Marovo Lagoon.
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| Aussichten von Uepi (Western Province) |
Hatten Sie private Kontakte zu Einheimischen?
Ja, einerseits im Spital, aber auch ausserhalb.
Wie fühlten Sie sich von den Einheimischen
behandelt?
Es ist nicht einfach, den Zugang zu den Einheimischen zu finden,
aber sie sind immer freundlich und korrekt.
Machten Sie besonders schöne Erfahrungen?
Die Dankbarkeit der Patienten im Spital.
Machten Sie weniger erfreuliche Erfahrungen?
Nein.
Wie haben Sie sich gegen Malaria geschützt?
Mit Lariam.
Was war Ihre Tätigkeit auf den Salomonen?
Siehe "Aktuelles" vom
01.05.02.
Was brauchte am meisten Angewöhnungszeit?
Der abrupte Klimawechsel.
Wie waren Ihre Arbeitszeiten?
Wie waren die Arbeitszeiten? Meistens von 0745 (Morgenrapport
nach "Swiss Time" bis abends ca. 1800, meist unterbrochen von
einer Mittagspause von 1 - 1½ Std.
Wie wurden Sie am Arbeitsort aufgenommen?
Äusserst freundlich, insbesondere weil viele
Spitalmitarbeiter mich von früheren Aufenthalten noch
kannten.
Wie beurteilen Sie die Arbeit der Einheimischen?
Die Krankenschwestern scheinen sehr gut ausgebildet und arbeiten
meist kompetent und selbständig. Insgesamt geben sich alle
Mitarbeiter grosse Mühe, das Arbeitstempo ist allerdings,
entsprechend den dortigen Gepflogenheiten eher etwas langsam.
Wenn man an die Verhältnisse in der Schweiz gewöhnt
ist, hat man auch mit dem mangelnden technischen Verständnis
und dem etwas anderen Hygieneverständnis anfänglich
etwas Mühe.
Wie beurteilen Sie die Arbeit anderer ausländischer
Helfer?
Die sogenannten Expatriate-Ärzte (ausländische
Ärzte) im Spital leisten sehr gute Arbeit (u.a. das
gleichzeitig anwesende holländische Interplast-Team, aber
auch die ständig dort arbeitenden Ärzte). Soweit ich es
beurteilen kann, scheint allerdings die Effizienz der vielen auf
den Salomonen anwesenden ausländischen Berater manchmal
etwas mager.
Was war besonders schwierig bei Ihrer Arbeit?
Gewöhnt an unsere Verhältnisse hat man vor allem am
Anfang Mühe mit der nur zeitweise funktionierenden
Infrastruktur: "Sorry, no X-Rays possible, no electric current
available" oder "Sorry no plaster cast, because no water from the
town water pipe and rain water tank almost empty". ("Tut mir
leid, kein Röntgen möglich, kein elektrischer Strom
vorhanden" oder "Tut mir leid, kein Gipsverband, da kein Wasser
von der städtischen Wasserleitung und Regenwassertank fast
leer")
Trotz aller Widerwärtigkeiten habe ich den Aufenthalt in
sehr positiver Erinnerung.
Was hat Ihnen auch am Ende Ihres Aufenthaltes immer noch
Mühe bereitet?
Habe ich eigentlich alles schon oben erwähnt
Was konnten Sie an die Einheimischen weitergeben?
Bei früheren Aufenthalten konnte ich einiges an Teaching
weitergeben, u.a. Einführung des Radiologen in Grundbegriffe
des Ultraschalls am Bewegungsapparat etc. Diese Mal ging es mehr
um die Durchführung von speziellen Operationen.
Was haben Sie von den Einheimischen gelernt?
Es wäre schön, wenn ich etwas von der Lebensfreude,
dem Fatalismus und vor allem von der Gelassenheit, mit welcher
stressige Sachzwänge angegangen werden, in meine hektische
Arbeitswelt hineinbringen und bewahren könnte.
Würden Sie wieder einen Einsatz auf den Salomon-Inseln
machen?
Wenn irgend möglich ja. Ich hoffe, dass ich nächstes
Mal wieder etwas länger bleiben kann.
Welche Tipps würden Sie jemandem geben, der auf den
Salomon-Inseln arbeiten möchte?
Man benötigt eine gute Toleranzfähigkeit
gegenüber Infrastrukturmängeln bei der Arbeit und
ausserhalb des Arbeitsortes, Selbständigkeit und
Improvisationsgabe und fachlich eine solide Grundausbildung mit
der Gabe, dieses Wissen mit einem guten
Improvisationsvermögen den lokalen Möglichkeiten
anzupassen.
Wann haben Sie die Salomon-Inseln verlassen?
Leider musste ich bereits am 23.4. zurück in die Schweiz.
"Ich wäre ja so gerne noch geblieben, aber ..".
Woran denken Sie besonders gerne zurück?
Habe soviel schöne Erinnerungen, dass ich sie gar nicht
aufzählen kann.
Was brauchte am meisten Umgewöhnung nach der
Rückkehr in die Schweiz?
Wenn ich mit den Erinnerungen an die Zustände im Spital von
Honiara zurückkomme, habe ich immer für lange Zeit die
grösste Mühe mit der extremen Anspruchshaltung von
vielen Patienten in der Schweiz.
Gibt es etwas, das Sie noch erwähnen möchten?
Ganz herzlichen Dank an Elisabeth und Hermann Oberli für
die Gastfreundschaft.
Vielen Dank für Ihre Antworten, Herr Dr.
Joller.
© Juli 2002 webmaster@hermannoberli.ch
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