Quelle: St. Galler Tagblatt 39 vom 31. Januar 2000 unter REGION
ST. GALLEN
Mit freundlicher Genehmigung.
Praxiserfahrung im Pazifik
Zwei Medizinstudenten über Ihre medizinischen und
menschlichen Erlebnisse in der Südsee
Der Rorschacher Patrick Noack und der St. Galler Marc
Erismann, beide 26, haben ein zweimonatiges Medizinpraktikum in
einem Spital auf den Salomon-Inseln verbracht.
RORSCHACH/ST. GALLEN.
«Bereits nach der Ankunft war uns klar, dass die Uhren in
einem Entwicklungsland anders laufen und Organisation vielfach
ein Fremdwort ist», schildert Patrick Noack den ersten
Eindruck «Trotz Buchung waren die Betten in der
vorgesehenen Unterkunft belegt, und so musste um drei Uhr morgens
nach einer anderen Schlafgelegenheit gesucht werden.»
Ungewohnte Bedingungen
«Die Männer- beziehungsweise die Frauenchirurgie in
Honiara, der Hauptstadt der Salomonen, besteht aus je einem nicht
klimatisierten Raum mit 24 Betten. An gewissen Tagen lief mir
bereits nach dem ersten Patienten der Schweiss herunter,
erzählt der Medizinstudent. «Hinzu kommt, dass neben
den Patienten oft noch deren Verwandte im Spital wohnen. So kam
es vor, dass ich bei einer Patientenaufnahme zuerst fragen
musste, wer nun eigentlich krank sei.»
Trotz dieser grossen Menschenansammlung und den damit
zusammenhängenden hygienischen Problemen habe er auf der
Chirurgie nur wenige Wundheilstörungen beobachtet:
«Das Immunsystem der Einheimischen ist anders ausgebildet.
Das zeigt sich am Beispiel der Malaria. Die Einheimischen leben
damit und erklären, dass sie daran seit Geburt schon einige
Male erkrankt seien.»
Gelassenheit
Es komme immer wieder vor, dass einfache Dinge, wie
Desinfektionsmittel oder chirurgische Nähfäden, nicht
vorhanden seien, berichtet Patrick Noack «Die Ärzte
auf den Salomonen sind aber sehr praktisch denkend und fanden in
den meisten Fällen eine akzeptable Alternative.» -
Blinddarmentzündungen, Hernien und verschiedene Krebsarten
gehörten zu den häufigsten Krankheitsbildern auf der
allgemeinchirurgischen Abteilung. «Letztere sind
eindrücklich, da die Einheimischen oft zuerst die
<traditionelle Medizin> bevorzugen und erst in einem
fortgeschrittenen Stadium im Spital auftauchen; erzählt der
Rorschacher. Was aber besonders beeindruckt, ist die
Gelassenheit, die viele Patienten trotz hoffnungsloser Diagnose
an den Tag legen.» In diesem Land, wo die Lebenserwartung
bei zirka 60 Jahren liege, werde der Tod ganz einfach akzeptiert.
Die mentalitätsbedingte Unbekümmertheit habe aber auch
ihre negativen Seiten: «Ein einjähriger Knabe verstarb
nach einer Operation langsam an einer kleinen Blutung, da der
diensthabende Laborant nicht auffindbar war und so keine
Bluttransfusion durchgeführt werden konnte.»
Mangelernährung
Seinem Praktikumskollegen, dem St. Galler Marc Erismann, bot sich
ein ähnliches Bild auf der Kinderabteilung: «Hier war
wenigstens meist sofort klar, wer Patient war. Vielfach stellte
sich am Bett aber die Frage, wer denn nun die Mutter des Kindes
sei.» Häufig bei Kleinkindern seien
Durchfallerkrankungen und Infektionen der Atemwege, erzählt
Marc Erismann. «Aber auch Erscheinungen von
Mangelernährung, wie man sie in klassischen
Drittweltländern zu sehen bekommt, sind oft
anzutreffen.»
Was in der Schweiz selbstverständlich sei, könne auf
den Salomoninseln zu einem riesigen Problem werden. «Einem
Kind mit angeborenem Herzfehler bleibt oft nur der teure Ausweg
nach Australien», erklärt der Medizinstudent.
«Wenn die Eltern das Geld dazu nicht auftreiben
können, sind sie auf Spenden angewiesen. Es war mein
schönster Moment auf den Salomonen, als ich miterleben
durfte, wie sich zwei Kinder auf den hoffnungsvollen Weg nach
Australien begaben.» Schön sei auch zu erleben, dass
auf den Pazifikinseln ein simpler Luftballon ein Kinderherz noch
höher schlagen lasse.
Zufrieden
Fazit der beiden Medizinstudenten: «Gerade die Einfachheit
der Einheimischen, aber auch die gute Arbeitsatmosphäre im
Spital - was in der Schweiz nicht immer der Fall sei - machte das
Praktikum auf den Salomonen, trotz Unannehmlichkeiten und
trauriger Momente, zu einem einmaligen Erlebnis.» pn/ger
Drei Operationssäle
Der ehemalige Chefarzt der Chirurgie von Meiringen BE hatte sich
1993 aufgemacht, in Honiara, der Hauptstadt der Salomonen, mit
«ausrangiertem Spitalmaterial» eine Unfallchirurgie
aufzubauen.
Heute stehen im 400-Betten-Spital von Honiara drei gut
eingerichtete Operationssäle zur Verfügung. Nicht zu
vergessen ist die Ausbildungsfunktion, die der Schweizer Chirurg
wahrnimmt Sein Ziel ist, ein orthopädisches und
unfallchirurgisches Ausbildungszentrum für den ganzen
Pazifikraum aufzubauen.
Wer Hermann Oberlis Spitalprojekt unterstützen möchte
- etwa mit nicht mehr benötigten medizinischen Geräten,
Computern und Medikamenten - erhält Auskunft bei Margrit
Gigon, Brünigstrasse 36, 3860 Meiringen, Tel 033/9714184.
Finanzielle Unterstützung über das Spendenkonto: UBS
Interlaken, Kontonummer 241-325678.01D, Medizin im
Südpazifik, Dr. Hermann Oberli, oder Postcheckkonto 30-35-9.
pg
Patrick Noack aus Rorschach (links) und Marc Erismann aus St.
Gallen (rechts) mit dem Berner Arzt Hermann Oberli im
Operationssaal in Honiara auf den Salomonen. Bild: pn
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